Dr. Rolf Sukowski: Gemeinwohl-Ökonomie – Möglichkeit für eine Wirtschaftswende oder grüner Kapitalismus? (Teil 2)

Im ersten Teil dieses Beitrags wurde auf einige grundsätzliche Aspekte einer am Gemeinwohl orientierten Wirtschaft eingegangen. Mit praktischen Erfahrungen und konkreten Instrumenten sowie der Rolle der Politik befasst sich dieser zweite Teil.

Um die Gemeinwohlorientierung eines Unternehmens bzw. einer Organisation wie etwa von Vereinen, aber auch einer Kommune (im weiteren zusammenfassend als Unternehmen bezeichnet), darzustellen, gibt es das Instrument der Gemeinwohlberichte mit Gemeinwohlbilanzen. Mit ihrer Aufstellung soll das Erreichen von ökologischen, sozialen und auch demokratischen Zielen dokumentiert werden. Es gibt drei Stufen zur Erstellung der Gemeinwohlberichte mit Bilanz (= Gemeinwohl-Matrix).

  • Stufe (dargestellt durch 1 Sämchen einer Pusteblume) – Selbstbewertung durch das Unternehmen;
  • 2. Stufe (2 Sämchen) – Peer-Evaluierung innerhalb einer Gruppe von Unternehmen. Im Oktober/November 2015 saßen Vertreter von fünf Unternehmen (davon drei OWUS- Mitgliedsunternehmen) und drei Vereinen aus Berlin in einer Peer-Gruppe unter Anleitung von zwei GWÖ-Beraterinnen zusammen. Zu dieser Gruppe gehörte mit UnternehmensGrün, dem Bundesverband für Grüne Wirtschaft, noch ein zweiter Wirtschaftsverband. In dieser Peer- Gruppe wurden auf Grundlage eines ausführlichen Handbuches alle Indikatoren der Matrix, die Grundlage für den Bericht ist, ausführlich vorgestellt und erste Ansätze des Berichtes diskutiert. Zum Indikator E1 „Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte und Dienstleistungen“ (bisherige Matrix 4.1) gab es bspw. eine lange Diskussion mit einem Unternehmen, das als Zwischenhändler Bier verkauft. Wie ethisch kann das Produkt Bier sein, welche gesellschaftliche Wirkung hat es? Auch bei der 1. Unternehmerkonferenz der GWÖ mit 65 Teilnehmern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz im Mai d. J. in Hann. Münden ging es um die Frage, kann in der Bewertung ein Malus für ein vermeintlich unethisches Produkt durch andere Indikatoren wie soziales Engagement kompensiert werden? Kritisch wurde dabei vermerkt, ob es nicht eine Anmaßung sei, dass die GWÖ über die Sinnhaftigkeit von Produkten entscheidet. Einigkeit bestand darin, dass mit der Diskussion über Sinn und gesellschaftliche Wirkung der Produkte und Dienstleistungen eine gesellschaftliche Debatte angestoßen werden kann. Die GWÖ könnte eine Bühne für diese Debatte mit anbieten. Den Ausschlag für die Bewertung in unserer Gruppe gab der enge Zusammenhang zwischen dem Handel mit regionalen, ökologisch produzierten Biersorten und dem sozialen Engagement des Unternehmens (die erwirtschafteten Gewinne werden für soziale Projekte eingesetzt, über die öffentlich abgestimmt wird). Im Ergebnis dieser mehrstündigen Aussprache wurden die Entwürfe der Berichte und Bilanzen verfasst und in einer Evaluierungsrunde verteidigt. Elf Stunden dauerte die Evaluierungsrunde, in der sich die fünf Unternehmen gegenseitig bewerteten. Das heißt, die Einschätzungen im Bericht sowie die Punktbewertung in der Matrix entstanden im Vergleich dieser fünf Unternehmen untereinander. Mal wurde im Ergebnis der Diskussion der verschiedenen Indikatoren undSub-Indikatoren die eigene Selbsteinschätzung „abgewertet“, in anderen Fällen „aufgewertet“. Die Evaluierungsrunde von OWUS fand dann gesondert ebenfalls über mehrere Stunden im Vergleich mit UnternehmensGrün statt. Anschließend wurden die Berichte durch eine dritte GWÖ-Beraterin geprüft und die Bilanzen testiert.
  • Stufe (3 Sämchen) – durch vom Gründungsverein Wien ausgebildete externe Auditoren wird das Unternehmen vor Ort bewertet. Grundlage sind Gespräche mit der Unternehmensführung, aber auch mit den Mitarbeitenden. Einen solchen auditierten Bericht hat z.B. die A&P Steuerberatungsgesellschaft mbh Potsdam vorgelegt.

Es geht also um Selbstbewertung und -reflexion, aber im Austausch mit anderen Kandidaten. Da wird man dann schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Kritisch kann nun vermerkt werden, dass die Peer-Evaluierung nur im kleinen Zirkel von wenigen Unternehmen erfolgt. Die Verbindung zu anderen, nicht beteiligten Unternehmen fehlt. Da kommen die zertifizierten GWÖ-BeraterInnen und AuditorInnen ins Spiel. Sie wurden an der GWÖ-Akademie (http://akademie.gwoe.net/) ausgebildet und können aus den Erfahrungen von insgesamt ca. 400 Bilanzierungen vor allem in Österreich, Deutschland, Italien und der Schweiz schöpfen.

Was hat das nun gebracht? Zunächst den Einsatz von 60 Stunden Arbeitszeit, verteilt auf zwei Monate, und 1.000 Euro Teilnahmebeitrag mit Testat-Gebühr, 50% davon wurden durch eine Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) finanziert. Und der Ertrag? In meinem Gemeinwohlbericht habe ich dazu geschrieben:

“Die Erarbeitung dieses Berichtes ist ein äußerst komplexer arbeits- und zeitintensiver Vorgang. Innerhalb eines Monats wurde neben dem finanziellen Aufwand für die Evaluierung die Arbeitszeit einer Woche zusätzlich zu den normalen unternehmerischen Aktivitäten investiert. Dieser Aufwand kann abschrecken – sowohl potenziell am Gemeinwohl interessierte Unternehmen, aber auch mögliche Trittbrettfahrer, die einen solchen Bericht evtl. als Marketing-Gag mißbrauchen wollen. Es gehört also eine gewaltige Portion Idealismus dazu, sich dieser Aufgabe zu stellen! Denn die Frage steht „Cui bono?“ – wem nützt es, vor allem einem Ein-Personen-Unternehmen? Ich werde mit Sicherheit in den von mir bedienten Geschäftsfeldern keine betriebswirtschaftlich relevanten Effekte in Form von Umsatzsteigerungen verspüren, erhöhen können sich dagegen die Anforderungen im Rahmen meines ehrenamtlichen Engagements auch als Multiplikator für das Konzept der Gemeinwohl-Ökonomie. Das waren auch die Veranlassung und der Impuls, diesen Gemeinwohlbericht zu schreiben. Daneben gab mir dieser Prozess wirklich einen umfassenden Blick auf meine nun schon 25jährige unternehmerische Tätigkeit und regte an, mir Gedanken zu unterschiedlichen Bereichen zu machen. Welche konkreten Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, wird die kommende Zeit zeigen.“

Es ist also weniger ein materieller Vorteil durch bessere Umsatzbedingungen oder so ähnlich, sondern vor allem ein ideeller Vorteil. Welcher Unternehmer kann sich die Zeit nehmen, um intensiv mit Gleichgesinnten (und auch seinen MitarbeiterInnen) über ethische Anforderungen seines eigenen unternehmerischen Handelns zu diskutieren und dann Schlussfolgerungen zu ziehen? Im Prozess der Erstellung von Gemeinwohlbericht mit Bilanz ist dies aber ein notwendiger Bestandteil. Bei der bereits erwähnten Unternehmerkonferenz der GWÖ im Mai d. J. war dies nahezu einhellig die Meinung der anwesenden Unternehmer, die bereits ihre Gemeinwohlberichte vorgelegt hatten bzw. gerade diesen Prozess durchliefen. Um das Thema GWÖ anzugehen, bedarf es einer hohen intrensischen Motivation. Der Vorteil der GWÖ liegt u.a. darin, dass an die persönliche Werteorientierung der betreffenden UnternehmerInnen angeknüpft wird. Mehrheitlich wurde daher von den Teilnehmern an der Unternehmerkonferenz eine unmittelbare monetäre „Belohnung“ für das Erstellen der Gemeinwohlberichte abgelehnt, dies würde auch Trittbrettfahrer anziehen und den ethischen Gedanken der GWÖ verwässern. Eine solche Forderung könne erst aufgemacht werden, wenn die GWÖ zu einer anerkannten Massenbewegung geworden sei (vergleichbar mit Bio-Siegel o.ä.).

Wie sind nun die Möglichkeiten, in einer Gemeinwohlbilanz ethisches Verhalten eines Unternehmens zu messen und zu bewerten. Grundlage dafür ist die Gemeinwohl-Matrix mit 20 Grundindikatoren. Seit Mai d. J. gilt die Matrix 5.0 (https://www.ecogood.org/de/gemeinwohl-bilanz/). Diese Indikatoren sind in Form einer Matrix angeordnet und umfassen die Werte Menschenwürde (1), Solidarität und Gerechtigkeit (2), Ökologische Nachhaltigkeit (3) sowie Transparenz und Mitentscheidung (4). Diesen Kernfragen ethischen Verhaltens sind die unterschiedlichen Berührungsgruppen zugeordnet LieferantInnen (A), EigentümerInnen und FinanzpartnerInnen (B), Mitarbeitende (C), Kunden und Mitunternehmen (D) sowie Gesellschaftliches Umfeld (E). Daraus ergeben sich 20 Hauptindikatoren, die jeweils mit max. 50 Punkten bewertet werden können. Maximal können also 1.000 Punkte erreicht werden. Bei negativen Beurteilungen (z.B. ethische Risiken bei Zulieferungen bspw. durch Kinderarbeit [A1.2] oder unverhältnismäßig hohen Umweltauswirkungen in der Zulieferkette [A3.2]) werden max. 3.600 Malus-Punkte vergeben (früher als K.O.-Kriterien bezeichnet). Als Beispiel sei der Indikator „C2 Ausgestaltung der Arbeitsverträge“ mit dem Sub-Indikator „C2.1 Ausgestaltung des Verdienstes“ genannt, für den es bei mittlerer Gewichtung 17 Punkte geben kann. Im Bericht sind dazu folgende Fragen zu beantworten:

  • Wie wird erbrachte Leistung in der Organisation abgegolten und wie transparent sind die zugrundeliegenden Konditionen?
  • Wie stellt die Organisation sicher, dass allen Mitarbeitenden ein an regionale Lebenshaltungskosten angepasster “lebenswürdiger Verdienst” zusteht?
  • Welche Möglichkeiten gibt es in der Organisation, den Verdienst selbstorganisiert zu bestimmen?

Verpflichtende Kennzahlen sind Angaben zum Höchst- und Mindestverdienst im Unternehmen (innerbetriebliche Spreizung), der Medianverdienst sowie der standortabhängige “lebenswürdige Verdienst” für alle Betriebsstandorte.

In einem Arbeitsbuch sind die Bewertungsstufen zu den einzelnen Sub-Indikatoren vorgegeben:

  • Vorbildlich – ein Verfahren zur Selbstbestimmung des Verdienstes wird entwickelt. Der Verdienst wird bedarfsgerecht individuell angepasst und selbstbestimmt durch Mitarbeitende festgelegt.
  • Erfahren – die Spreizung zwischen höchstem und niedrigstem Verdienst innerhalb des Unternehmens liegt bei maximal 1:5. Bei entsprechender Legitimation durch alle Mitarbeitenden kann das Verhältnis an die Bedürfnisse der Organisation angepasst werden.
  • Fortgeschritten – Maßnahmen werden getroffen, um einen an regionale Lebenshaltungskosten angepassten „lebenswürdigen Verdienst“ zu gewährleisten.
  • Erste Schritte – einer gerechte Verdienststruktur wird regelmäßig analysiert und
  • Basislinie – die gesetzlichen Mindestanforderungen (z.B. Mindestlohn) werden eingehalten.

Das Einhalten der Basislinie wird mit Null bewertet, ein Unterschreiten mit Malus-Punkten geahndet. Unternehmen, die in ihrem Wirken besser als diese Basislinie sind, erhalten Pluspunkte (max. 50 Punkte pro Indikator). Dies erfolgt skaliert – „Erste Schritte“ entsprechen dem Faktor 1 (= 10%) der für diesen Sub-Indikaktor zu vergebenen Punkte (also 1,7 Pkt. für C2.1), „Fortgeschritten“ entspricht den Faktoren 2 bis 3, „Erfahren“ 4 bis 6 und „Vorbildlich“ 7 – 10.

Die bisherige Matrix 4.1 galt universell für alle Branchen, Rechtsformen und Unternehmensgrößen. Lediglich für Ein-Personen-Unternehmen (Solo-Selbständige) gab es Sonderregelungen z. B. beim Indikator „Gerechte Verteilung des Einkommens“ und „Innerbetriebliche Demokratie“. Schrittweise soll die Matrix diverzifiziert werden. Bisher haben ca. 400 Unternehmen europaweit einen solchen Bericht mit Bilanz vorgelegt. Um Spezifika zu identifizieren, bedarf es jedoch einer kritischen branchenbezogenen Masse. Wenn eine größere Anzahl von Vereinen diesen Prozess abgeschlossen haben, können die Besonderheiten dieser Rechtsform identifiziert werden und eine spezielle Vorgabe erstellt werden. Das internationale Redaktionsteam arbeitet daran. Die im April 2017 veröffentlichte Matrix 5.0 ist in Auswertung der bisher vorgelegten Berichte in einem mehrjährigen Arbeitsprozess entstanden (auch dies ist eine Form von Wirtschaftsdemokratie, nicht ein praxisfernes Gremium erarbeitet etwas, sondern die Betroffenen selber) und enthält erste Schlussfolgerungen. So kann jetzt zwischen einer Vollbilanz mit 20 Indikatoren und 44 Sub-Indikatoren sowie 19 Negativ-Indikatoren und einer Kompaktbilanz nur mit den Haupt- und Negativ-Indikatoren gewählt werden. Für Kleinstunternehmen (entsprechend der EU-Definition bis 10 Mitarbeitende) gibt es einen gesonderten Leitfaden. So heißt es zu dem dem o. g. Sub-Indikator „C2.1 Ausgestaltung des Verdienstes“ „Dieses Thema ist auch für Kleinstunternehmen in vollem Umfang relevant. Bei EPU ist der Unternehmerlohn zu berücksichtigen.“

Die Komplexität der Bewertung überrascht immer wieder, ebenso die Verwendung von Begrifflichkeiten, die teilweise bereits anderweitig belegt sind. Viele Unternehmen leben bereits gemeinwohlorientierte Werte, ohne sich dessen im Einzelnen bewusst zu sein [1]. Wirtschaft wird dabei nicht so sehr als gesellschaftlicher Vorgang verstanden, sondern eher als ein Naturereignis, dem man sich fügen muss. Aber auch die Finanzbilanz ist letztendlich Ausdruck politisch gewollter Rahmenbedingungen – eine Ethikbilanz zeigt die Werte und die Finanzbilanz die zur Umsetzung verwendeten finanziellen Ressourcen. Die Bilanzierung zeigt durch ihre Transparenz auch auf, warum im Unternehmen welche Entscheidung getroffen wurde.

Bei der GWÖ-Unternehmerkonferenz wurde u. a. eine Evaluierung in NRW ausgewertet. Ein renommiertes städtisches Krankenhaus hatte sich zurückgezogen, da aus der Sicht der Leitung die erreichte Bewertung nicht gegenüber der Öffentlichkeit kommunizierbar war. Ein Inhaber eines großen Facility-Management-Unternehmens mit über 3.000 MitarbeiterInnen aus NRW hatte ebenfalls seine Probleme mit der Bewertung in der Matrix. Bei allen anderen Evaluierungen lagen die Werte des Unternehmens immer über 90% und jetzt kam das Unternehmen „nur“ auf 450 Punkte, lag in der Skala also am unteren Ende von „Erfahren“ (OWUS wurde mit 522 Punkten bewertet, mein Bericht mit 387 Punkten). Die oben bereits am Beispiel von C2.1 erläuterte Logik bedeutet, wenn das Unternehmen sich gesetzeskonform auf der Basislinie bewegt, gibt es Null Punkte. Das ist die Basis und nur wer besser ist, erhält skaliert Pluspunkte. Dies zu erkennen und letztendlich auch zu akzeptieren war ein schmerzlicher Prozess im Unternehmen.

Bei der Konferenz stellten einige Teilnehmer fest, dass der Begriff GWÖ nicht wie der Begriff Nachhaltigkeit zu einem „Kaugummibegriff“ werden darf, unter dem sich jeder alles vorstellen kann. Deshalb sind ein klarer Überbau und Strukturen (GWÖ-Matrix) erforderlich. Im Unterschied zur Nachhaltigkeit hatte die GWÖ deshalb von Beginn an meßbare Kriterien als Grundlage. Bei der in Österreich neugegründeten Bank für Gemeinwohl ist bereits die Prüfung der Gemeinwohlorientierung Bestandteil der Entscheidungsfindung über Finanzierungsanfragen geworden. Übereinstimmung bestand darin, dass der Nutzen der GWÖ unternehmensintern in der Einbeziehung der Mitarbeiter und damit auch der Weiterentwicklung des Unternehmens und extern in der Wirkung auf andere Unternehmen liegt. Letzteres setzt jedoch einen noch höheren Bekanntheitsgrad voraus. In der Kommunikation muss eine hohe Glaubwürdigkeit erreicht werden, dazu sind teilweise vorhandene kultige und esoterische Elemente abzulegen (z.B. Sämchen der Pusteblume).

Fazit: Der Vorwurf, es sei ein „bürokratiegetränkter“ Vorgang, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Aber auch die Finanzbilanz ist nicht so nebenbei zu erstellen. Die EU-Kommission hat inzwischen die Berichtspflicht über nichtfinanzielle Informationen für Großunternehmen eingeführt. Der Gemeinwohlbericht mit Bilanz kann damit durchaus verglichen werden. Für die breitflächige Etablierung eines ethischen Wirtschaftssystems in Europa wurde im September 2015 vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) auch das Modell der GWÖ weiterempfohlen [2].

Ein letzter Gedanke: Wie ist das Verhältnis der Gemeinwohl-Community zu den etablierten Parteien? Bei der bereits mehrfach erwähnten Unternehmerkonferenz wurde auch das Verhältnis zu den Parteien thematisiert. Durch eine strikte und gleiche Distanz zu den Parteien soll verhindert werden, dass einzelne Parteien den Gedanken der GWÖ vereinnahmen und für sich parteipolitisch ausnutzen. Dies betraf ausdrücklich auch Bündnis90/Die Grünen, die von mehreren Teilnehmern ob ihres Opportunismus bei Regierungsbeteiligungen kritisiert wurden. Übereinstimmung gab es, dass man mit den Vertretern der Parteien im Sinne von Lobbyarbeit zusammenarbeiten muss. Denn nur durch Information können die Parteien auf den unterschiedlichen Ebenen dazu bewogen werden, politische Rahmenbedingungen zu verändern (Beispiele sind Landesregierungen in Salzburg oder Valencia). Wenn eine Landesregierung gemeinwohlorientiertes Verhalten von Unternehmen aktiv unterstützen will, bieten sich zunächst die kommunalen Unternehmen als Pionierunterunternehmen per Unternehmenssatzung direkt an. Aber auch die finanzielle Förderung von interessierten Unternehmen würde diesen Prozess unterstützen. Ohne die inzwischen beendete 50%ige Förderung seitens der

DBU [3] wäre es für die 30 zumeist kleinen Unternehmen finanziell kaum möglich gewesen, diesen Berichtsprozess durchzuführen (der Gemeinwohlbericht von OWUS e.V. wurde nicht gefördert). Deshalb ist eine entsprechende Festlegung im Berliner Koalitionsvertrag zu begrüßen. Unter der Überschrift „Solidarische Wirtschaft“ heißt es „Die Koalition bekennt sich zu den Unternehmen und Initiativen in Berlin, die gemeinwohlorientiert wirtschaften und mit unternehmerischen Mitteln soziale und ökologische Ziele verfolgen. (…) Die Koalition wird die Beratung von Unternehmungen der solidarischen und genossenschaftlichen Ökonomie stärken und in der Wirtschaftsverwaltung institutionell verankern, damit diese die Förderprogramme des Landes besser nutzen.“ [4] Nun muss dies konkret umgesetzt werden.

Rolf Sukowski
Vorsitzender OWUS Berlin-Brandenburg e.V. und OWUS-Dachverband e.V.
Ein-Personen-Unternehmer


1 siehe 1994 beschlossenes Selbstverständnis von OWUS „Aus wirtschaftlicher Vernunft und sozialer Verantwortung“

2 Stellungnahme des EWSA über https://www.ecogood.org/de/gemeinwohl-bilanz/

3 „Weiterentwicklung von KMU-Praxismodellen zum nachhaltigen Wirtschaften unter besonderer Berücksichtigung der Gemeinwohl-Ansatzes“ http://bibliothek.dbu.de/libero/WebOpac.cls?VERSION=2&ACTION=DISPLAY&RSN=400018769&DATA=DBU&TOKEN=XRrGv3cmp41313&Z=1&SET=1#CatInfo400018769

4 „Berlin gemeinsam gestalten. Solidarisch. Nachhaltig. Weltoffen“, Koalitionsvereinbarung zwischen Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) Landesverband Berlin und DIE LINKE Landesverband Berlin und BÜNDNIS 90/ Die Grünen Landesverband    Berlin    für     die    Legislaturperiode    2016-2021,    S.     71     https://www.berlin.de/rbmskzl/regierender-buergermeister/senat/koalitionsvereinbarung/