Elisabeth Voß: Solidarisch Wirtschaften?

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Spätestens seit der Finanzkrise 2008 hat die herrschende, profitgetriebene Wirtschaftsweise in den Massenmedien und im öffentlichen Ansehen an Legitimation verloren. Alternativökonomische Ideen und Praxen finden mehr Aufmerksamkeit als je zuvor.

Der chilenische Wirtschaftswissenschaftler Luis Razeto prägte in den 1980er Jahren den Begriff „Solidarische Ökonomie“ (1) . Er beschrieb damit gemeinschaftliche wirtschaftliche Selbsthilfe, mit der Menschen in Krisenzeiten ihre Versorgung sichern, ganz im Sinne des altehrwürdigen Genossenschaftsgedankens „Gemeinsam mehr erreichen“. Solidarität ist hier eine ganz praktische, alltägliche gegenseitige Unterstützung. Die folgenden Thesen sind ein Versuch, vor dem Hintergrund der herrschenden Ökonomie einige Herausforderungen Solidarischen Wirtschaftens zu skizzieren.

Gegenwärtige Ansätze werden kritisch hinterfragt und mögliche Ambivalenzen oder gar Vereinnahmungen aufgezeigt, die Solidarische Konzepte in ihr Gegenteil verkehren können. Nicht zuletzt werden jedoch auch Potentiale Solidarischer Ökonomien an Beispielen verdeutlicht.

Die herrschende Ökonomie hat mit Wirtschaft nichts zu tun, sondern stellt ein verbrecherisches System dar.

Unter Ökonomie oder Wirtschaft verstehe ich die Gesamtheit gesellschaftlicher Prozesse, in denen Menschen mit ihrer vielfältigen, lebenswichtigen Arbeit aus natürlichen Ressourcen all das herstellen, was Menschen zum Leben brauchen. Ohne zu wirtschaften, um ihre Bedürfnisse zu erfüllen, könnten Menschen nicht leben.

Die zerstörerische Ausbeutung und profitgetriebene Vernutzung von Mensch und Natur, die systematisch in patriarchal und kapitalistisch ausgestalteten Produktionsweisen angelegt ist, hat mit Wirtschaft nichts zu tun. Es handelt sich um Verbrechen, millionenfach begangen an denen, auf deren Kosten dieses Ausbeutungsmodell expandiert, das systematisch diejenigen ignoriert, die unter viel zu oft erbärmlichen Bedingungen schuften und buckeln, die von ihrem Land vertrieben werden, hungern, an den Folgen von Ressourcenkriegen und Klimakatastrophe leiden. Wenn diese Menschen dann vor Perspektivlosigkeit, Elend und Krieg fliehen, ertrinken sie vor den Mauern Europas im Mittelmeer, und alle Welt sieht zu.

Das verbrecherische System der herrschenden Ökonomie ist in höchstem Maße rassistisch.

In diesem System bemisst sich der Wohlstand an der Menge des Elektronikschrotts, der hier im globalen Norden so schön sauber daher kommt. Hier wird suggeriert, Arbeit und Anstrengung seien nicht mehr nötig, denn dank Digitalisierung könnten absehbar immer mehr Güter zu Null Grenzkosten produziert werden (2) . Damit wird der eine Teil der Menschheit, der für den Wohlstand des anderen Teils arbeitet, dort im Süden, wo die seltenen Erden aus dem Boden gerissen werden, dieser Teil der Menschheit wird fein säuberlich wegdefiniert, sowohl faktisch als auch theoretisch der Menschenwürde beraubt. Und die es schaffen, trotz Mauern und Zäunen die Festung Europa zu erreichen, werden unter unwürdigen Bedingungen in ein Leben in Heimen und Lagern gezwungen, als seien sie nicht Menschen wie alle, wie „wir“ im globalen Norden, der seine Privilegien abschottet, Privilegien die seit dem Kolonialismus über die Weltkriege bis zum aktuellen Wirtschaftskrieg Deutschlands auf der Ausbeutung anderer Länder und anderer Menschen und auf der Zerstörung von deren Lebensgrundlagen basiert. Darum nenne ich diese sogenannte Wirtschaft rassistisch.

Solidarität in der Wirtschaft soll den Menschen dienen, nicht dem Profit. Über die gemeinschaftliche wirtschaftliche Selbsthilfe in Krisenzeiten hinaus kann unter Solidarischer Ökonomie eine ganze Wirtschaftsweise verstanden werden, die nicht der Profiterzielung, sondern der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse dienen soll. In einer globalisierten Welt kann eine solche Solidarität nur eine globale sein, mit Abstimmungs- und Steuerungsprozessen, die nicht dem Recht des Stärkeren folgen, sondern aus demokratischen Aushandlungsprozessen entstehen. In eine solche global solidarische Ökonomie wären ausnahmslos alle Menschen weltweit einzubeziehen, und ihre Lebensgrundlagen, ihre Menschenrechte und sozialen Rechte zu wahren, im Sinne globaler Gerechtigkeit und Solidarität.

Solidarität ist nicht automatisch „gut“, sondern es kommt darauf an, wer sich mit wem solidarisch zusammentut.

Der Begriff „Solidarität“ hat einen warmen Klang, er steht für gegenseitige Unterstützung, für das, was ein gelingendes menschliches Miteinander ausmacht. Sei es in der Familie, in der Nachbarschaft oder in anderen Gemeinschaften – Menschen tun etwas füreinander, meist freiwillig und ohne Bezahlung, aber im Vertrauen darauf, dass sie selbst auch Unterstützung aus der Solidargemeinschaft bekämen, wenn sie diese benötigen. Im Sozialstaat ist Solidarität auch strukturell verankert, zum Beispiel in der Sozialversicherung und in den Infrastrukturen der Daseinsvorsorge. Solidarität ist nicht Wohltätigkeit, es gibt nicht auf der einen Seite die Gebenden und auf der anderen die Nehmenden, sondern Solidarität ist eine Gegenseitigkeitsbeziehung. Diese ist nicht automatisch „gut“ und wünschenswert im Sinne gesellschaftlicher Verantwortung, sondern es kommt darauf an, wer sich aus welchem Interesse mit wem zusammentut. Elitäre Zirkel und korrupte Netzwerke sind untereinander vielleicht solidarisch, handeln jedoch zu Lasten der Gesellschaft. Wenn die ganze Menschheit als Solidargemeinschaft verstanden würde, wäre ein Großteil der bisherigen Wirtschaft nicht mehr tragbar.

Die Suche nach Alternativen bringt Hoffnungen und Hypes hervor – aber es gibt keine einfachen Lösungen.

Das kleine Land Bhutan gilt vielen als Vorbild, weil es – anstelle des Bruttosozialprodukts – das Bruttosozialglück zum Staatsziel erhoben hat.

Allerdings gilt dies nur für die buddhistische Mehrheitsbevölkerung, während große Teile der hinduistischen Minderheit – teils schon vor Jahrhunderten aus Nepal eingewandert – in den 1990er Jahren vertrieben wurden. Die Verbliebenen werden rassistisch diskriminiert und leben in bitterer Armut (3). Aktueller Hype ist die Shareconomy, die suggeriert, Teilen schone die Umwelt und mache glücklich. Praktische Apps erleichtern die gemeinschaftliche Nutzung von Werkzeugen, Büchern oder Kleidung, denn geteilt wird digital.

Zunehmend geht es jedoch nicht um solidarischen Austausch, sondern es entstehen neue Geschäftsmodelle. Onlineplattformen wie AirBnB (Zimmervermietung) oder Uber (Chauffeurdienste) ermöglichen es den privaten AnbieterInnen, etwas Geld zu verdienen, während die NutzerInnen Leistungen günstiger als am Markt bekommen. Nach dem gleichen Muster bieten zum Beispiel Putzleute ihre Dienste online stundenweise an (CleanAgents, Helpling u.a.). Die Plattformbetreiber und ihre Investoren verdienen an Vermittlungsgebühren und am Datenhandel – wer teilt hier mit wem (4)?

An die Stelle gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse treten in der Krise die Heilsversprechen eines großen „Wir“.

Selbst die NPD bekennt sich mittlerweile zu einer solidarischen Wirtschaftsordnung, zum Schutz der „heimischen kleinen und mittelständischen Unternehmen … vor der Marktmacht der global agierenden Großkonzerne.“ (5) Ihr rassistisches Konzept einer „Raumorientierten Volkswirtschaft“ zielt auf „nationale Solidarität“. Dagegen wirkt der „Megatrend“ einer „WeQ-DNA (Wir-Qualität)“ fast anheimelnd, wie er von Akteuren des Social Business propagiert wird, die gesellschaftliche Probleme unternehmerisch lösen und dabei Gewinne machen möchten.

Da ist die Rede von „Co“, „Open“ und „Teilen“, es wird „Gemeinschaft“ beschworen und das „Gemeinwohl“. Das WeQ soll Thema des „Vision Summit“ 2015 sein, einer jährlichen Versammlung von SozialunternehmerInnen mit globalen Eliten aus Stiftungen, Unternehmens-beratungen und Konzernen (6). Aber wer ist in dieses solidarische Wir eingeschlossen – und wer nicht?

Solidarische Ökonomie als wirtschaftliche Selbsthilfe in der Not ist gleichzeitig lebensnotwendig und ambivalent.

In der Krise Anfang des Jahrhunderts in Argentinien besetzten Tausende ArbeiterInnen Fabriken, die von Schließung bedroht waren. Sie kämpften um ihre Arbeitsplätze und übernahmen die Fabriken in Selbstverwaltung. Heute sind mehr als 300 solcher „Empresas Recuperadas“ in Belegschaftshand (7).

Sie arbeiten für den kapitalistischen Markt, oft als Zulieferer für Konzerne. Auch in Griechenland werden Fabriken besetzt, LandwirtInnen vermarkten ihre Produkte direkt, ehrenamtlich betriebene Krankenhäuser gleichen fehlende Versorgungsstrukturen aus. Es wäre zynisch, sich über diese erstarkende Selbstorganisation zu freuen, denn zu bitter ist die Verarmung und Entrechtung, die staatliche und neofaschistische Gewalt in diesem ausgeplünderten Land. Trotzdem werden in den aus der Not geborenen Gemeinschaften auch Keimformen anderen Wirtschaftens sichtbar (8).

Solidarität hat viele Gesichter und unterschiedliche Reichweiten, sie kann Gemeinschaften oder Teile von Gesellschaft umfassen.

Immer mehr Menschen möchten gemeinschaftlich wohnen. Die stärkste solidarische Verbindlichkeit gehen diejenigen ein, die in Kommuneprojekten gemeinsam leben und arbeiten, ihren Alltag und ihr Geld miteinander teilen. Alle bringen ein, was sie können und bekommen, was sie brauchen (9).

Andere schließen sich in Baugruppen zusammen, errichten gemeinsam Häuser, in denen sie dann – meist in privaten Eigentumswohnungen und oft mit zusätzlichen Gemeinschaftsräumen – mehr oder weniger gemeinschaftlich leben. Während dafür oft viel Geld nötig ist, steht das Mietshäuser Syndikat ausdrücklich auch denen offen, die kein Geld einbringen können. Dieser Hausprojekte-Verbund hat 2012 den „Klaus-Novy-Preis für Innovationen beim genossenschaftlichen Bauen und Wohnen“ bekommen, obwohl er nicht in der Rechtsform einer Genossenschaft organisiert ist, sondern aus Vereinen und GmbHs besteht. Diese Struktur dient dazu, dass die Immobilien des Verbundes nicht mehr als Waren am Markt verkauft werden können, und stellt außerdem sicher, dass alle beteiligten Gruppen einen Beitrag in einen Solidarfonds einzahlen, aus dem neue Hausprojekte ermöglicht werden. Die Solidarität ist hier auf Erweiterung angelegt (10). Im Netzwerk „Solidarische Landwirtschaft“ organisieren sich CSA-Gruppen (CSA = Community Supported Agriculture), die gemeinschaftlich einen Landwirtschaftsbetrieb finanzieren, und sich dessen Ernte teilen (11). Die dort angebauten und hergestellten Lebensmittel werden keine Waren am Markt, sondern innerhalb solidarischer Gruppen verteilt.

Weitaus breiter ist zum Beispiel das Solidaritätsverständnis der venezolanischen Cooperative Cecosesola (12). Diese dient nicht nur ihren Mitgliedern, sondern verkauft Gemüse in riesigen Märkten, die gleichzeitig wichtige Treffpunkte der Bevölkerung sind und etwa 250.000 Menschen in Barquisemeto, dem Sitz der Genossenschaft, versorgen. Ein genossenschaftliches Gesundheitszentrum und Bestattungsinstitut bietet ebenfalls Leistungen über den Kreis der Mitglieder hinaus an.

In einer zukünftigen globalen Solidarischen Ökonomie wird es viele Unternehmensformen geben, zum Beispiel Genossenschaften, öffentliche Unternehmen und demokratische Konzerne.

Genossenschaftliche Unternehmungen haben das Potential, zu einem theoretisch und praktisch fundierten Paradigmenwechsel in der Wirtschaft beizutragen (13). Aber nicht alle Menschen können und wollen sich genossenschaftlich organisieren, und es liegt in der Verantwortung der Gesellschaft, eine allgemeine Teilhabe am Lebensnotwendigen zu gewährleisten. Dafür bieten sich öffentliche Unternehmen an, die jedoch im Sinne einer Vergesellschaftung demokratisch organisiert sein sollten. Und auch wenn solidarische Ökonomien überwiegend lokal und regional verankert sind, wird es doch auch zukünftig globale Wirtschaftsbeziehungen geben.

Anderes Wirtschaften ist nicht konfliktfrei zu haben, daher verstehe ich den Kampf gegen Privatisierungen und um natürliche Ressourcen und würdige Arbeitsbedingungen weltweit ebenso als Bestandteil Solidarischer Ökonomien, denn Solidarität ist unteilbar. Wie sie konkret ausgestaltet wird, das entscheiden die jeweils Handelnden selbst.

Diese Thesen erschienen zuerst in der Zeitschrift Feministische Studien, 33 Jg., Mai 2015, Nr. 1 zum Thema „Solidaritäten“: http://www.feministische-studien.de/index.php?id=25&no_cache=1&paper=52&intro=1

Sie wurden für die Veröffentlichung in diesem Blog geringfügig bearbeitet.

(1) Vgl. Hans Eder: Der „Faktor C“. Kern einer anderen Wirtschaft, Gesellschaft und Zivilisation…, in: SoliTat 42, Salzburg, Oktober 2003: http://www.intersol.at/fileadmin/Soliatat/solitat42.pdf

(2) Jeremy Rifkin: Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Das Internet der Dinge, kollaboratives Gemeingut und der Rückzug des Kapitalismus, Campus, Frankfurt, 2014.

(3) Kein Platz im Paradies. Interview von Christiane Langrock-Kögel mit Lorenzo Pellegrini in enorm Magazin 05/2014: http://enorm-magazin.de/kein-platz-im-paradies

(4) Elisabeth Voß: Die schöne neue Shareconomy und ihre Schattenseiten, in Gegenblende — Das gewerkschaftliche Debattenmagazin, September/Oktober 2014: http://www.gegenblende.de/29-2014/++co++1043ad24-39a2-11e4-a2bc- 52540066f352

(5) Siehe Parteiprogramm der NPD 2010.

(6) Vision Summit: http://www.visionsummit.org/events/10-11092014/weq-projekt/weq-die-initiative.html

(7) Juan Pablo Hudson: Wir übernehmen – Selbstverwaltete Betriebe in Argentinien. Eine militante Untersuchung, mandelbaum verlag, Wien, 2014.

(8) Informationen zu selbstverwalteten Betrieben in Griechenland zum Beispiel hier: http://www.griechenland.solioeko.de

(9) Kommuja: Das Kommunebuch – utopie.gemeinsam.leben, Assoziation A, Berlin/Hamburg, 2014.

(10) Das Mietshäuser Syndikat: http://www.syndikat.org

(11) Netzwerk Solidarische Landwirtschaft: http://www.solidarische-landwirtschaft.org