Photo by Emre Gencer on Unsplash

Solidarisch handeln in der Praxis – „Wir reden nicht, wir handeln“

Bild: Emre Gencer via Unsplash

von Julia Neig und Rolf Sukowski


Solidarisch handeln in der Praxis – „Wir reden nicht, wir handeln“ – so lautet das Motto einer vor kurzem in Berlin gegründeten Genossenschaft. SolidariTrade – Genossenschaft für solidarisches Handeln i. G. (www.solidaritrade.de) ist eine Genossenschaft, die sich u.a. das Ziel gesetzt hat, Produkte aus Griechenland in Deutschland zu vertreiben. Es ist daher kein Zufall, dass die Gründer von SolidariTrade aus dem Umfeld von „OXI – Wirtschaft anders“ (www.oxiblog.de) kommen. Das griechische όχι steht für ein Nein zur Politik der EU gegenüber diesem Land und seiner Bevölkerung. SolidariTrade steht für ein Ja zur Solidarität mit den einfachen Menschen in Griechenland. Sie besteht derzeit aus fünf Mitgliedern, darunter auch dem langjährigen Chefredakteur der Tageszeitung „neues deutschland“ Tom Strohschneider, Mitglied der Redaktion von „OXI“. Die Genossenschaftsanteile können für 25 Euro je Anteil gezeichnet werden.

Auf einer Konferenz in Athen im Winter vergangenen Jahres kam es zu einem ersten Kontakt mit Giorgos Chondros, einem Vertreter von Syriza. Er ist als deutschsprachiger Aktivist in verschiedenen Medien und auf zahlreichen Veranstaltungen in Deutschland aufgetreten, um die Position der griechischen Syriza-Regierung offensiv zu vertreten. In Folge der Krise in Griechenland, die mit einer erschütternden Austeritätspolitik seitens der EU und der Zerstörung von gesellschaftlichen Strukturen einherging, entstand unter seiner Beteiligung ein sich über ganz Griechenland erstreckendes Netzwerk, das die Grundversorgung, insbesondere die medizinische, sicherstellte. Unter anderem der Austausch mit Giorgos Chondros über dieses griechische Solidaritätsnetzwerk veranlasste die Initiatoren, die Gründung der SolidariTrade vorzubereiten. Die Genossenschaft und ihre Gründer haben sich zum Ziel gesetzt, nicht nur abstrakt und mit der Gefahr ideeller Enttäuschung über die Möglichkeiten internationaler Solidarität zu diskutieren, sondern diese auch durch den Aufbau eines solidarischen Direkthandels konkret in die Wege zu leiten. Daraus resultiert das Motto „Wir reden nicht, wir handeln“. Ziel ist die Schaffung einer Austauschplattform für Solidaritätskampagnen und der Aufbau einer Infrastruktur für einen solidarischen Direkthandel zwischen Erzeugern und potentiellen Verbrauchern in Deutschland. Dabei sollen vor allem kollektive Betriebsformen in den Erzeugerländern unterstützt werden.

Griechische Bauern sind infolge für sie wirtschaftlich unvorteilhafter Vertriebsformen über in- und ausländische Zwischenhändler nur im geringen Maß am Wertschöpfungsprozess beteiligt. Damit können sie dem massiven Konkurrenzdruck seitens der Lieferketten von hierarchisch aufgebauten Großbetrieben nicht standhalten. In einem ersten Projekt kauft SolidariTrade 10.000 Liter hochwertiges Olivenöl von der ebenfalls neugegründeten Erzeugergemeinschaft „Messinis Gea“ („Land von Messinia“) im Ort Daras im Südwestpeloponnes zu einem Preis, der deutlich über dem Abnahmepreis der Zwischenhändler liegt. Die Olivenölsorte Koroneiki ist eine der besten Olivensorten. Sie wird traditionell mit keinem oder sehr geringem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln angebaut. Für die Zertifizierung mit einem Bio-Siegel fehlen den Bauern jedoch (noch) die finanziellen Mittel. Zu einem Solidaritätspreis von 12 € pro Liter wird das Öl in Deutschland zum Verkauf angeboten. Ein Teil des Erlöses spendet SolidariTrade an verschiedene Initiativen zurück. Langfristig will die Genossenschaft auch andere Produkte in ihr Sortiment aufnehmen und eine Plattform für deren Vertrieb bieten.

Am 04. März hatte die Berliner LAG Linke Wirtschaftspolitik die Vorständin von SolidariTrade Anne Schindler zu ihrem monatlichen Treffen eingeladen. In der vor einem Jahr gegründeten LAG spielt die Verbindung von linker Wirtschaftstheorie und realer praxisbezogener Wirtschaftspolitik eine wichtige Rolle. Das Gründungsmotto von SolidariTrade fand daher großen Anklang. In einer regen Diskussion wurden Möglichkeiten der Unterstützung erörtert. Eine erste Möglichkeit ist die Veröffentlichung dieses Beitrages auf der Homepage der LAG und die Möglichkeit seiner Verlinkung. Besonderes Interesse wurde an einer Vernetzung oder dem Austausch mit anderen inländischen Initiativen des solidarischen Wirtschaftens geäußert. Es wurde angeregt, eventuell im nächsten Jahr eine Veranstaltung zu nachhaltigen Wirtschaftsformen mit anderen Initiativen der solidarischen Landwirtschaft aus Berlin und dem Umland zu organisieren. SolidariTrade wäre dabei ein gutes Beispiel. Das Motto der Genossenschaft „Wir reden nicht, wir handeln“ ist ein Selbstverständnis, hinter dem sich linke Wirtschaftspolitik uneingeschränkt versammeln kann.
Interessant war eine eher nebenbei vermittelte Information – in Griechenland gibt es ein neues Gesetz zur Unterstützung oder erleichterten Gründung von Unternehmen der Solidarischen Ökonomie. (1) Dieses Gesetz könnte sicherlich auch für Initiativen der solidarischen Wirtschaft in Deutschland von großem Interesse sein. Zu gegebener Zeit werden wir darüber berichten.


1) https://griechenlandsoli.com/2017/06/20/ein-gesetz-fuer-solidarische-oekonomie/